In der Geschichte des menschlichen Erzählens – von den ersten Zeichnungen an Höhlenwänden bis heute – ist der «Spielfilm» das Größte (nicht das Wichtigste!), was es gibt.
Denkt mal drüber nach.
Tausende Menschen (Schauspieler, Produzenten, Regisseure, Drehbuchautoren, Kameraleute, Komponisten, Cutter, Spezialeffekt-Künstler, Sounddesigner, Stuntleute, das ganze Team, das Marketing – alle Künstler für sich) kommen zusammen, um eine einzige Geschichte zu erzählen: einen Film.
Dieser Film soll als geschlossenes, einheitliches Werk erscheinen, sodass niemand merkt, wie viele widersprüchliche Stimmen dahinterstecken – die Diskussionen, die Konflikte, die Pannen, die plötzlich gestrichenen Budgets, wetterbedingten Verzögerungen, die unfertigen und ständig überarbeiteten Drehbücher …
Geschichten erzählen – tatsächlich könnte man die Ursprünge des Films bis in die Vorzeit zurückführen, als unsere Vorfahren am Feuer saßen und einer von ihnen Schattenfiguren an die Wand warf, um Geschichten von wilden Tieren und Helden zu illustrieren.
Wenn wir heute in die Kinosessel sinken, um einen teuren, effektheischenden Blockbuster auf einer turmhohen IMAX-Leinwand zu bestaunen, sitzen wir gewissermaßen wieder am Feuer.
Schon früh bekam das junge Medium einen Spitznamen, der noch heute passt: die »siebente Kunst«, nach Architektur, Malerei, Musik, Skulptur, Tanz und Dichtung. Er geht auf den italienischen Gelehrten Ricciotto Canudo zurück, für den die Macht des Films darin bestand, dass er alle großen Kunstformen der Vergangenheit in sich vereinte.
Dass aus einem Medium, das auf einem Jahrmarkt seinen Ursprung hatte, eine solch grandiose Unterhaltung entstehen würde, war unwahrscheinlich genug. Dass es zu einer Kunstform wurde, erstaunt vielleicht noch viel mehr.
Das Schöne an Filmen ist, dass jeder Mensch sie auf eigene Weise liebt und sie sich individuell erschließt.
In gewisser Weise haben Widersprüche den Film zu dem gemacht, was er heute ist. Wie sonst könnte man seine unterschiedliche Wirkung erklären? Wenn ihr einen Film liebt, kann er euch das Gefühl geben, er sei nur für euch gemacht. Dass ein Freund vielleicht mit dem gleichen Film nichts verbinden kann, scheint dann unbegreiflich.
Hier möchte ich einen Ort anbieten, an dem ihr Eindrücke und persönliche „Urteile“ über einen geschauten Film teilen könnt.
Ich finde es immer spannend, wie unterschiedlich ein Film auf Menschen wirkt, und bin sehr interessiert daran, darüber zu hören.
Ich beginne wieder und hoffe auf viele unterschiedliche Blickwinkel.
»Wir versuchen nicht, die Kritiker zu unterhalten. Ich probiere mein Glück beim Publikum.«
Walt Disney
Zur Weihnachtszeit haben wir zu Hause einen Klassiker angeschaut:
Ist das Leben nicht schön? – 1946 entstanden, mit James Stewart in der Hauptrolle.
Der Film teilt sich grob in zwei Abschnitte.
Der erste erzählt die Geschichte von George mit seinen enttäuschten Lebensplänen – und wie er dadurch zur Hoffnung für viele Menschen seines kleinen Ortes wird.
Durch eine Unachtsamkeit seines Onkels zerbricht alles, George verzweifelt an dieser Situation. Dann, als er seinen Erzfeind um ein Darlehen bittet, fällt der verhängnisvolle Satz: Als Sicherheit kann er nur eine Lebensversicherungspolice anbieten, und Potter (der Böse im Film) spottet: »Sie sind tot mehr wert als lebendig.« Diese Beleidigung enthält eine der wichtigsten Lehren des Films: So wie ein einzelnes Menschenleben alles verändern kann, tut es auch dessen Abwesenheit.
Verzweifelt fährt George zu einer Brücke, um in den Tod zu springen.
Genau hier beginnt der zweite Abschnitt. Sofort wird der Stil düster, die Bilder sind aufgenommen wie in einem Film Noir. Tiefe Schatten, alles wirkt bedrohlich.
Dass ab hier – weihnachtskonform – ein rettender Engel auftritt, dient der Botschaft und wirkt stimmig.
Als er laut wünscht, er wäre nie geboren worden, geleitet Clarence (der Engel) George in eine Parallelwelt: eine Welt, in der er nie gelebt hat und in der Bedford Falls jetzt den Namen seines Feindes trägt – und ganz anders aussieht.
»Das Leben jedes Menschen berührt so viele andere Leben«, sagt Clarence – und das ist letztlich die Botschaft des Films.
George sieht nun, wie sich das Leben aller anderen verändert hat, weil er nie gelebt hat. Sein Bruder ist als Kind bereits gestorben, da George nicht zur Stelle war, um ihn bei einem Unfall zu retten. Seine Frau ist eine einsame und verbitterte alte Frau, und seine Mutter schwermütig. So geht es immer weiter, und George verzweifelt jetzt erst wirklich. War sein Problem bisher Geld und Ansehen, ist es nun die reine Existenz!
So macht der erste Teil des Films plötzlich Sinn, denn nur durch ihn begreift man, was seine Nichtexistenz bedeutet.
Capra (der Regisseur) sieht in George einen Mann, der das Leben der Menschen positiv verändert – und eben nicht den Jedermann, der wir alle sind oder sein könnten. In diesem Sinne warnt der Film vor fehlendem Zusammenhalt: Manche sind – zum Glück für ihr Umfeld – weniger selbstsüchtig als andere, so die Botschaft.
Mein Empfinden beim Schauen war, dass der erste Teil gern etwas kürzer und der zweite Abschnitt dafür länger hätte sein können. Aber im Nachgang hat sich gezeigt, dass es doch die lange Einführung braucht, um das normale Leben darzustellen – um später empfinden zu können, was fehlt.
Auch habe ich mir – bereits bevor ich den Film kannte – ab und zu versucht auszudenken, wie die Welt (für mich) aussehen würde, wenn es wichtige Menschen in meinem Umfeld nicht gegeben hätte: Meine Kinder und Enkel wären nie geboren worden, meine Entwicklung insgesamt als Person wäre wohl anders verlaufen. Ich wäre, kurz gesagt, eine völlig andere Person als heute.
Gut oder schlecht? Das ist eine Frage, wie man sein jetziges Dasein bewertet, oder?
Das wichtigste Zitat aus dem Film (für mich):
GEORGE, DENK IMMER DARAN: EIN MANN, DER FREUNDE HAT, IST NIE EIN VERSAGER.
Bis zum nächsten Film, vielleicht sogar von jemand anderem verfasst?
Horst

Ein Bild aus dem Film – der Moment in dem alles kippt und die Selbsttötung als einziger Ausweg erscheint.
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